Bischöfe sind auch (nur) Menschen! Gott sei Dank!

Zufällig bin ich im seinerzeit „sehr“ katholischen Mengerskirchen/Westerwald geboren und groß geworden – im landläufigen Sprachgebrauch im „Gelobten Land“. Dennoch bin ich heute kein überzeugter Kirchenchrist. Ich bin zwar kein religiöser Mensch, gleichwohl aber ein spiritueller. Genauso wie ich zwar ein politischer Mensch bin, aber kein parteipolitischer.

Ich bin zwar „katholisch“ groß geworden, aber – außer im Kindes- und Jugendalter als Messdiener – nie ein überzeugter Kirchenchrist gewesen. Gleichwohl glaube ich doch an eine höhere Ordnung. Und ich glaube, dass jeder von uns Menschen eine Aufgabe auf dieser Erde hat und auch die Pflicht hat, aus den naturgegebenen Geburtsgeschenken resultierend – freier Wille, Selbstwahrnehmung usw. – SEIN BESTES hier auf Erden zu geben. Das ist ein wesentlicher Teil meines persönlichen Leitbilds.

 

Limburger Kreis des Rechtsanwalts und Notars Michael Jung, MdB a.D.

 

Am vergangenen Mittwoch hatte ich als Gast des Limburger Kreises des Rechtsanwalts und Notars Michael Jung, MdB a.D. die Gelegenheit den neuen Bischof von Limburg, Dr. Georg Bätzing, zu erleben und auch persönlich kennenzulernen.

Da ich nunmehr schon seit mehr als 15 Jahren regelmäßig von Michael Jung zu Veranstaltungen des Limburger Kreises eingeladen werde und auch selbst schon Mit-Gastgeber war – herzlichen Dank an dieser Stelle dafür – hatte ich schon oft Gelegenheit viele interessante Menschen aus Politik, Wirtschaft und anderen Lebensbereichen kennenzulernen. Ich lerne bei Vorträgen und Besichtigungen immer dazu und fühle mich nachher bereichert – manchmal durch Erlangung neuer Erkenntnisse und manchmal durch Bestätigung eigener Überzeugungen. Im Rahmen dessen hatte ich in der Vergangenheit bereits zweimal die Gelegenheit den früheren Bischof von Limburg, den aus bekannten Gründen sehr bekannten Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst, zu erleben und kennenzulernen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht „nachtreten“ in Richtung des geschassten Bischofs. Nur soviel: die Aura, die ich gespürt habe – ohne zunächst mit ihnen gesprochen zu haben – von Herrn Bischof Georg einerseits und  von Bischof Franz-Peter anderseits hätte unterschiedlicher nicht sein können.

Bischof Georg vermittelt bereits, ohne mit ihm zu sprechen, einen sehr vertrauenserweckenden, aufgeschlossenen  und glaubwürdigen Eindruck. Bischof Franz-Peter hingegen machte mir seinerzeit zwar einen sehr eloquenten, aber( kirchen-)fürstlichen und unnahbaren Eindruck; dies war bereits vor den einschlägigen Ereignissen. Wenn man beide sprechen hört, im Vortrag einerseits und im persönlichen Gespräch andererseits, dann verstärken sich diese Eindrücke – für mich jedenfalls –  noch.

Der Besuch bei Bischof Georg in der Adventszeit zwischen dem 3. und 4. Advent begann mit einer Adventsvesper im Dom zu Limburg, untermalt durch die wunderbaren Limburger Domsingknaben. Anschließend trafen wir uns im Saal des Limburger Kolpinghauses zu einem ca. halbstündigen Vortrag des Bischofs Georg mit anschließender Diskussion und Imbiss.

 

 

Vortrag im Kolpinghaus: Die Enzyklika „Laudato Si`“ als ethische und politische Orientierung für die Weltgemeinschaft

 

In der Enzyklika „Laudato Si´“ (kurz: „LS“) – übersetzt „Gelobt seist Du“   – spricht sich Papst Franziskus gegen die aktuelle Lebensweise der Menschheit aus, die er als „selbstmörderisch“ bezeichnet (LS 55). Niemals zuvor habe die Menschheit die Umwelt derart schlecht behandelt wie im 19. und 20. Jahrhundert, die Erde scheine sich zu einer „unermesslichen Mülldeponie“ zu entwickeln (LS 21).

In diesem Zusammenhang ging Bischof Georg ausführlich auf das sogenannte Weltgemeinwohl ein. Hierbei bezog er sich auf Ausführungen des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick, der drei wesentliche Elemente des Begriffs ausgemacht hat:

1.  Das Gemeinwohl beruhe auf der Achtung der Würde und der unveräußerlichen Grundrechte jeder Person. Der Mensch könne sich nur dann entfalten und sein Glück finden, wenn ihm das Recht zum Handeln nach der rechten Norm seines Gewissens, das Recht auf Schutz des Privatlebens und auf die rechte Freiheit, und zwar auch im religiösen Bereich, ermöglicht werde.

2. Das Gemeinwohl verlange das „soziale“ Wohl und die Entwicklung der Gemeinschaft. Dazu gehöre, was für ein wirklich menschliches Leben notwendig sei: Nahrung, Kleidung, Wohnung, Gesundheitsvorsorge, Arbeit, Bildung, Information und Recht auf Ehe und Familie.

3. Zum Gemeinwohl gehörten der Friede und die Sicherheit durch eine funktionierende öffentliche Gewalt und durch den Rechtsschutz der Verteidigung vor Gericht.

Das Gemeinwohl könne augenscheinlich am besten in einer Demokratie gedeihen, so der Papst in der LS.

Der Papst trifft in der LS folgende Aussagen aus einer globalen Sicht, vor allen Dingen aber aus der Sicht der lateinamerikanischen Staaten und der übrigen Staaten, deren Teilhabe an den wirtschaftlichen Segnungen eher „zurückgesetzt“ sind im Vergleich zu den westlichen Staaten der G 20.

Die globale Erwärmung

Insbesondere die globale Erwärmung sei „eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit“, weswegen es von großer Bedeutung sei, den Treibhausgasausstoß „drastisch“ zu reduzieren und aus der Verbrennung fossiler Energieträger auszusteigen (LS 25f). Der LS ist zu entnehmen, dass es dringend geboten sei, „dazu politische Programme zu entwickeln“. Der Papst fordert damit eine sogenannte Dekarbonisierung der Weltwirtschaft und einen Erdöl- und Kohleausstieg. Ebenfalls kritisiert der Papst den Konsumismus. Der „Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil nur in Katastrophen enden“ könne (LS 161). Ausdrücklich erklärt Franziskus den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu einem universalen Menschenrecht, das wirtschaftlichem Profitstreben enthoben sein sollte (LS 30).

Dominanz der Wirtschaft

Weiterhin kritisiert der Papst die Dominanz der Wirtschaft, insbesondere der Finanzwirtschaft, gegenüber der Politik, die einen wirksamen Umweltschutz verhindere (LS 109). Die Unterwerfung der Politik unter die Technologie und das Finanzwesen zeige sich in der Erfolglosigkeit der Weltgipfel über Umweltfragen. Damit einher gingen auch große sozialpolitische Verwerfungen. So verursache der Reichtum in den reichen Staaten unmittelbar die Armut in anderen Staaten, weswegen in Industriestaaten eine Wachstumsverlangsamung geboten sei, um armen Staaten mehr Entwicklungschancen zu bieten. Es sei unvertretbar, dass einige mehr und mehr konsumierten und zerstörten, während andere noch nicht entsprechend ihrer Menschenwürde leben könnten (LS 16).

Die Stadtentwicklung

Zur Stadtentwicklung und Urbanisierung stellt Franziskus kritisch fest: „Heute beobachten wir zum Beispiel das maßlose und ungeordnete Wachsen vieler Städte, die für das Leben ungesund geworden sind, nicht nur aufgrund der Verschmutzung durch toxische Emissionen, sondern auch aufgrund des städtischen Chaos, der Verkehrsprobleme und der visuellen und akustischen Belästigung. Viele Städte sind große unwirtschaftliche Gefüge, die übermäßig viel Energie und Wasser verbrauchen“ (LS 44).

Bischof Georg rief zum Abschluss alle anwesenden Politiker, Unternehmer und sonstige Personen mit Verantwortung auf, die LS einmal zu lesen und deren Grundsätze in ihr tägliches Handeln einfließen zu lassen und Wettbewerb und wirtschaftlichen Erfolg nicht als allein geltenden Maßstab für ihr verantwortliches Handeln zu machen, sondern eben auch die Kooperation und das soziale Gewissen im Sinne der LS.

Der Applaus der ca. 200 Gäste zu den Worten des Bischofs war anhaltend und groß.

In der anschließenden Diskussion wurde u.a. von einem anwesenden Wirtschaftsprofessor aus der Finanzwirtschaft geäußert, wie wichtig der Markt sei und “der Markt regele doch alles: Das müsse man berücksichtigen, wenn man die Ausführungen des Papstes höre. Da gehe vieles zu weit“.

 

Meine Frage an den Bischof:

 

„Zu der menschlichen Würde gehöre ja auch das Recht auf Arbeit und einer der wesentlichen Zufriedenheitsfaktoren sei m.E. das Gefühl für den Menschen, eine sinnvolle Aufgabe und Tätigkeit  zu haben und davon auch angemessen mit der eigenen Familie leben zu können. Wie Bischof Georg dies im Verhältnis zu den Entwicklungen durch die Digitalisierung sehe?“

Der Bischof sagte sinngemäß dazu, dass er in seiner vorherigen Tätigkeit in Trier in Nähe zu Luxemburg schon in den 1990er Jahren einen Vortrag von Jean-Claude Juncker gehört habe, der schon damals gemeint habe, in 20 oder 30  Jahren gäbe es durch Automatisierung sehr viel weniger Arbeitsplätze. Das Gegenteil sei aber der Fall, es gebe heute so viele Arbeitsplätze bei uns wie nie zuvor, und er, Bischof Georg, vertraue auf die Ideen und den Einfallsreichtum des Mittelstands bei uns, dass es schon nicht so schlimm kommen werde. Natürlich sehe er aber auch die Entwicklung vieler Menschen, die auch bei uns vom wirtschaftlichen Erfolg ausgeschlossen seien.

Kurz vor meiner Frage wurde ich von Michael Jung als Steuerberater Volker Mühl von MCP vorgestellt, mit Büros in Löhnberg und Limburg. Ich habe ergänzt, dass ich aber nicht nur Steuerberater sei, sondern auch Vorsitzender des Zukunftsforums Mengerskirchen e.V. (www.zukunftsforum-mengerskirchen.de), und habe kurz erklärt, was das Zukunftsforum in Mengerskirchen macht. Es hat mich sehr gefreut, dass der Bischof gesagt hat, er  habe schon sehr viel Positives vom Bildungsforum Mengerskirchen (www.bildungsforum-mengerskirchen.de) und auch vom Zukunftsforum Mengerskirchen gehört und er sich bei bietender Gelegenheit gerne einmal persönlich davon ein Bild machen wolle. Ich habe ihn dazu herzlich eingeladen und die Informationen dazu in einem kurzen persönlichen Gespräch noch einmal vertieft.

 

Vorherige Ansprache des Bischofs  in der Adventsvesper: „Paktiere nicht mit jeder stärkeren Macht und höre mehr auf Deine innere Stimme“

 

In der vorherigen Adventsvesper im Limburger Dom hielt der Bischof eine kurze Ansprache und machte deutlich, dass es nicht immer angezeigt sei, allgemein gesprochen, mit jeder stärkeren Macht zu paktieren und sich nach deren Vorgaben zu richten, sondern den eigenen Weg zu gehen. Wichtig sei gerade für Menschen in politischer und unternehmerischer Verantwortung, mehr auf seine innere Stimme zu hören und danach zu handeln. Das setze jedoch voraus, dass man seine innere Stimme überhaupt hören und wahrnehmen könne. Das sei in der heutigen Zeit durchaus für viele Menschen nicht so einfach, gebe es doch so viele lautstarke Überlagerungen, die die innere Stimme übertönten. Um die innere Stimme überhaupt wahrnehmen zu können, bedürfe es sich Zeitabschnitte der Stille und Einkehr zu schaffen.

 

Mein Resümee: Bischöfe sind auch (nur) Menschen! Gott sei Dank!

 

Ich hatte aufgrund der Äußerungen, die ich nach dem Vortrag des Bischofs im Kolpinghaus zur Enzyklika „Laudato Si`“ wahrgenommen habe, den Eindruck, dass es sehr viele Menschen gibt, die ihre innere Stimme finden müssen. Ich habe auch wahrgenommen, dass es viele Menschen gibt, die eine gewisse Gespaltenheit aufweisen zwischen ihrem „privaten“ Denken und ihrem „geschäftlichen“ Denken und Handeln.

Mitgenommen habe ich aber auch: Der neue Bischof Georg ist wirklich ein Mensch! Gott sei Dank!

 

Die Menschen der alten Zeit sind auch die der neuen, aber die Menschen von gestern sind nicht die von heute.

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach
(1830 – 1916), österreichische Erzählerin, Novellistin und Aphoristikerin

 

Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.

Immanuel Kant
(1724 – 1804), deutscher Philosoph

 

 

In diesem Sinne wünsche ich einen schönen 4. Advent.


Volker Mühl



Kommentare

Ulrich Marschall von Bieberstein says

Ob parteipolitische Programme jeglicher Colleur oder die Vielzahl der wissenschaftlichen Aussagen zu den weltpolitischen Problemen und die jeweils dazu angebotenen Lösungsstrategien, lassen sich zwar nicht alle auf Werte des Christentums beziehen, haben , ohne dass es gewollt ist, gleichwohl Grundthesen, die sich im Christentum wiederfinden. Man muß nicht Kirchgänger sein, um christliche Werte zu Leben, aber es schadet nicht Gottesdienste zu besuchen.

Antwort von Volker Mühl

Lieber Ulrich,

Danke für Dein Feedback.

Ich sehe das auch so: um christliche Werte zu leben, muss man nicht in die Kirche gehen.

Manchmal gehe ich auch in die Kirche: mal aus Gewohnheit (Feiertage wie Weihnachten - irgendwie gehört eine Christmette zu Weihnachten), mal in Erfüllung einer Pflicht eines lieben Menschen wegen (zB Beerdigung) oder zum Gedenken (zB Jahramt zum Gedenken an einen verstorbenen Menschen, zu dem ich eine enge Beziehung hatte).
Ich kann nicht sagen, dass ich oft in die Kirche gehe oder gegangen bin, weil ich das innere Bedürfnis danach verspüre bzw. verspürt habe.

Wenn dann schon eher mal im Dillhäuser Wald am Heiligenhäuschen - dort tut mir ein kleiner Halt innerlich gut. Oder ein Waldlauf, bei dem ich die Gedanken schweifen lassen kann oder mich auch mal beim Laufen fokussieren kann.

Ob ein Kirchenbesuch mir etwas bringt, hängt für mich im Wesentlichen von den Worten des Geistlichen ab. Hält er eine engagierte Predigt, die mich erreicht und berührt? Oder werden da nur Floskeln und Glaubenssätze bemüht? Leider war letzteres in meiner Kindheit und Jugend oft der Fall.

Es ist für mich jedoch keine Motivation oder Grund in die Kirche zu gehen, weil es mir "nicht schadet".

Mit den besten Grüßen und friedvolle Feiertage

Volker Mühl

Markus Stillger says

Sehr schön geschrieben !

Und ein kleines Wortspiel sei erlaubt: Auch wenn Du "net in die Kerch giehst" , bei der Auswahl Deines Partners hast Du "Nomen est Omen" walten lassen ;-)

Antwort von Volker Mühl

Hallo Max,

Da hast du wohl recht. Der Nachname war auch, wenn
ich genau nachdenke, so ziemlich das einzige
Auswahlkriterium - sozusagen als Kompensation für
mein dezifitäres Verhalten.

Beste Grüße

Volker

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